Wenn das Summen zum Soundtrack wird: Meine Reise zu einem gelasseneren Umgang mit Tinnitus
- Caro Frauendorfer
- 5. Nov. 2024
- 5 Min. Lesezeit
Ohrenklingeln im Dauer-Abo. 5 Jahre mit Tinnitus und wie ich Frieden damit geschlossen habe

Es begann wie eine nervige Hintergrundmelodie, die immer lauter wurde - und plötzlich nicht mehr aufhörte. Als ich vor über fünf Jahren zum ersten Mal das „berühmte“ Ohrensausen hörte, hielt ich es noch für ein vorübergehendes Phänomen. Doch der Tinnitus blieb hartnäckig. Willkommen im Club, dachte ich mir irgendwann, wenn das Brummen und Pfeifen mich wieder durch den Alltag begleitete.
Doch über die Jahre habe ich gelernt, diesen lästigen Ohrwurm nicht nur zu akzeptieren, sondern auch, ihm mit einer guten Portion Gelassenheit zu begegnen. Hier möchte ich meine besten Strategien mit euch teilen - gespickt mit einer Prise Humor und dem Wissen, dass selbst ein ständiges Klingeln im Kopf irgendwann seine Schrecken verliert.
Tinnitus? Das klingt nach einem neuen Lebenssoundtrack
Die Wahrheit ist: Tinnitus bringt eine Art dauerhafte Hintergrundmusik mit sich. Am Anfang war es frustrierend, denn ich wollte nicht, dass mein Leben von einem unsichtbaren DJ ununterbrochen mit einem schrillen „Ohr-Konzert“ beschallt wird. Doch dann habe ich gemerkt, dass ich diesen Soundtrack in mein Leben integrieren kann - ja, fast so, als hätte ich selbst eine Playlist gewählt, die mich nur etwas ungewöhnlich motiviert.
Ich habe mich gefragt: Was, wenn ich den Tinnitus einfach als eine Art meditative Klangkulisse annehme? Und plötzlich konnte ich das Summen immer öfter überhören. Die Lektion hier: Je weniger Widerstand ich leiste, desto eher schließe ich Frieden mit diesem ganz eigenen „Soundtrack“.
Bewusstes Annehmen: Klingt einfacher als es ist
Für jeden Tinnitus-Neuling klingt es fast absurd: „Akzeptiere den Ton einfach.“ Doch die Akzeptanz war ein wichtiger Schritt für mich. Statt die Geräusche zu bekämpfen, begann ich, sie bewusst wahrzunehmen und dann aktiv zu „übergehen“. Ein Beispiel? Wenn ich morgens aufwache und das Summen sofort da ist, sage ich mir: Da ist er wieder, mein klingelnder Freund. Alles klar, aber heute halte ich trotzdem die Fäden in der Hand.
Ich nehme es an - und lasse es dann bewusst in den Hintergrund treten.
Es gibt einen besonderen Trick, der mir dabei geholfen hat: Sobald ich den Ton höre, gehe ich direkt in eine Atemübung über. Tiefes Ein- und Ausatmen beruhigt nicht nur den Geist, sondern gibt mir auch das Gefühl, den Tinnitus nicht die Kontrolle übernehmen zu lassen.
Meine Tipps für mehr Gelassenheit mit dem Klingeln im Ohr
Hier sind die Strategien, die mir helfen, die Oberhand zu behalten und die Geräuschkulisse zu einem „neutralen Begleiter“ im Alltag zu machen:
1. Stressreduktion
Jeder, der schon mal Tinnitus hatte, weiß: Stress verstärkt das Klingeln oft massiv. Ich habe Techniken wie Meditation, Atemübungen und progressive Muskelentspannung schätzen gelernt, die mich regelmäßig „runterfahren“. Auch einfache Achtsamkeitsübungen, bei denen ich mich auf das Hier und Jetzt konzentriere, helfen mir, das Geräusch im Hintergrund zu belassen.
2. Hintergrundgeräusche nutzen
Stille ist zwar schön, aber mit Tinnitus kann sie fast unerträglich werden. Also habe ich die Kraft der leisen Hintergrundmusik oder Naturgeräusche entdeckt. Mein Favorit ist das Rauschen von Wellen oder sanfte Waldgeräusche - die übertönen das Surren und geben meinem Gehirn etwas anderes, worauf es sich fokussieren kann.
3. Bewegung tut gut
Auch wenn es im ersten Moment abwegig klingt: Bewegung tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch dem Ohr. Sport und regelmäßige Spaziergänge fördern die Durchblutung und helfen mir, den Kopf frei zu bekommen. Die Bewegung lässt mich außerdem tiefer atmen und lässt den Tinnitus oft in den Hintergrund rücken.
4. Den Fokus bewusst umlenken
Das Geräusch im Ohr wirkt oft überwältigend, weil unser Gehirn es wie ein Alarmsignal behandelt. Doch man kann lernen, den Fokus aktiv auf etwas anderes zu richten und so das Ohrensausen in den Hintergrund zu drängen. Diese Technik nennt sich „Fokuslenkung“ und ist eine Form von Achtsamkeit.
So funktioniert’s:
Wenn ich merke, dass ich mich wieder zu sehr auf den Tinnitus konzentriere, nehme ich mir bewusst eine andere Sinneserfahrung vor. Zum Beispiel richte ich meine Aufmerksamkeit auf das Gefühl meiner Füße auf dem Boden, die Empfindung der Kleidung auf der Haut oder die Details eines Gegenstands vor mir. Ich fokussiere mich ganz gezielt auf diese Wahrnehmungen und lasse das Ohrgeräusch einfach da sein, ohne ihm Bedeutung zu geben.
Eine Lieblingsmethode ist für mich die „5-4-3-2-1“-Achtsamkeitsübung:
5 Dinge sehen: Ich schaue mich um und suche fünf Dinge, die ich sehe.
4 Dinge fühlen: Ich konzentriere mich auf vier Dinge, die ich fühlen kann.
3 Dinge hören: Ich höre auf drei Dinge in meiner Umgebung (auch das Ohrgeräusch, wenn es da ist, lasse ich da sein).
2 Dinge riechen: Ich nehme bewusst zwei Gerüche wahr.
1 Ding schmecken: Ich achte auf einen Geschmack, wie Kaffee oder einen Minzkaugummi.
Diese Übung hilft mir, meine Sinne bewusst auf die Umgebung zu lenken und dem Gehirn beizubringen, das Ohrgeräusch zu ignorieren. Manchmal braucht es etwas Übung, aber mit der Zeit wird das Umlenken des Fokus fast automatisch - und das Summen wird leichter auszublenden.
Diese Strategie ist nicht nur hilfreich, sondern stärkt langfristig die Fähigkeit, den eigenen Fokus zu kontrollieren und achtsam mit sich umzugehen.
5. Koffein und Alkohol? Lieber nicht!
Zwar ist es keine universelle Regel, aber ich habe festgestellt, dass der Verzicht auf Koffein und Alkohol mein Tinnitus weniger intensiv erscheinen lässt. Stattdessen gönne ich mir eine gute Tasse Kräutertee - der tut mir gut und trägt zur Entspannung bei.
Humor als „Schalldämpfer“
Wenn der Tinnitus besonders hartnäckig ist, hilft mir tatsächlich ein bisschen Humor. Ich stelle mir vor, dass der nervige Ton eine Art musikalische Begleitung meines Lebens ist - auch wenn die Melodie manchmal eher an einen schiefen Ton erinnert. Aber mit dieser Perspektive kann ich selbst schwierigen Tagen etwas Gelassenheit abringen. Vielleicht braucht jeder von uns ja seine eigene „Ohr-Kulisse“? (Okay, das ist vielleicht übertrieben, aber ein wenig Selbstironie hilft in jedem Fall.)
Am Ende des Tages weiß ich, dass das Ohrensausen immer da sein wird. Es ist wie ein alter Bekannter, den man zwar nicht unbedingt eingeladen hat, der aber irgendwie seinen Platz im Alltag gefunden hat. Je mehr ich ihn als Teil meines Lebens annehme, desto weniger stört er mich.
Die kleine Wahrheit: Tinnitus wird weniger, wenn man ihn weniger beachtet
Die Kunst besteht darin, das Leben nicht vom Tinnitus bestimmen zu lassen. Durch die Kombination aus Akzeptanz, kleinen Tricks zur Ablenkung und einer guten Portion Humor habe ich es geschafft, dem Ton die Macht zu nehmen. Klar, an manchen Tagen ist es schwieriger, aber über die Jahre hat sich diese Mischung bewährt. Es ist tatsächlich so: Je weniger ich mich auf das Ohrensausen fokussiere, desto weniger stört es mich - und desto gelassener kann ich damit umgehen.
Für all diejenigen, die mit Tinnitus leben, möchte ich sagen: Es gibt Wege, mit diesem Klang im Kopf Frieden zu schließen. Und wenn ihr mal wieder genervt seid, denkt daran - ihr seid nicht allein, und manchmal kann ein bisschen Humor das beste Heilmittel sein.
Wenn du jemanden kennst, der auch seinen eigenen Soundtrack mit sich trägt, dann teile gerne diesen Blogbeitrag!
Deine Caro
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